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Wenn deine Partnerin Lust vortäuscht

Es passiert leise. Oft unbemerkt. Frauen täuschen Lust vor, obwohl etwas in ihnen eigentlich sagt: Ich bin gerade nicht hier. Nicht mit meinem Körper. Nicht mit meiner Lust. Und während das Außen nahe wirkt, entsteht innen eine Distanz, die niemand sieht und über die kaum jemand spricht.


Wenn Frauen Lust vorspielen, geht es selten darum, jemanden zu manipulieren. Viel häufiger geht es darum, etwas zu schützen. Die Beziehung. Den Frieden. Den Partner. Oder das eigene Gefühl von Sicherheit. Viele Frauen haben gelernt, dass Sexualität ein Raum ist, in dem sie funktionieren müssen. Dass es einfacher ist, zu lächeln, zu bestätigen und weiterzumachen, als einen Moment innezuhalten und zu sagen: Ich fühle gerade nichts. Ich brauche etwas anderes. Ich brauche Zeit.


Dahinter liegt oft Angst vor Konfrontation, Angst vor Zurückweisung, Angst davor, „schwierig“ zu sein. Oder schlicht das tiefe Gefühl, gar nicht zu wissen, wie man über den eigenen Körper spricht. Weibliche Lust hat in unserer Kultur wenig Raum bekommen, um sich selbst zu verstehen. Viele Frauen kennen ihre Bedürfnisse nicht, konnten sie nie erforschen oder hatten nie ein Gegenüber, das zuhören konnte, ohne sich angegriffen zu fühlen.


Und dann gibt es die Männer. Viele von ihnen erfahren erst spät oder zufällig, dass Lust vorgespielt wurde.

"Mir hat noch keine Frau etwas vorgespielt!"

Manche reagieren irritiert, manche verletzt, manche fühlen sich plötzlich klein. Und verkleinern damit auch den Raum, den ihre Partnerin gerade braucht und sucht.


Auch für Männer ist Sexualität ein Ort von Nähe und Verbindung.

Und das Geständnis einer Frau, die sagt, dass sie auf die Art und Weise wie Sexualität und körperliche Verbindung bisher stattgefunden hat, keine wirkliche Lust empfindet, bringt viele Ebenen ins Wanken.

Da, wo ein Mann denkt, es der Frau "besorgen zu müssen" entsteht Versagensangst.

Vielleicht auh Wut, Ärger, Frustration.

Oft ist da Scham. Scham darüber, es nicht bemerkt zu haben. Scham über das Gefühl, nicht genug gewesen zu sein. Scham über die eigene Hilflosigkeit, die entsteht, wenn die Frage auftaucht: was dann?


Hier zeigt sich die stille Tragik: Beide Seiten verlieren – obwohl beide etwas schützen wollten. Frauen schützen durch Vortäuschung die Beziehung, und verlieren sich selbst dabei. Männer schützen ihre Männlichkeit, ihre Rolle, ihre Sicherheit – und verlieren die Möglichkeit, echte Nähe zu erfahren.


Man könnte meinen, es gehe um Lust. Doch es geht um viel mehr: um Sprache, um Scham, um Zeit, um Sicherheit, um innere Freiheit.

Wir leben in einer Kultur, die uns beigebracht hat, Sex ganz von alleine zu „können“, statt Intimität zu lernen. Männer sollen wissen, wie man Lust erzeugt - auf ihre, männlich orientierte Art und Weise.

Frauen sollen wissen, wie man verfügbar ist. Wie man lockt und gefällig ist und mit dem, was als "normale" Sexualität in unserer Gesellschaft gilt, ihren Genuss finden.


Niemand bekommt beigebracht, wie man fühlt, spricht, zweifelt, zögert oder wählt.

Dabei bräuchten Frauen Räume, in denen ihr Nein nicht als Angriff gilt, sondern als Rückkehr zu sich selbst. Sie brauchen Menschen, die wissen, dass weibliche Lust Zeit braucht, Sicherheit und ein Nervensystem, das sich nicht im Alarmzustand befindet.

Und Männer brauchen Räume, in denen sie Fragen stellen dürfen, ohne an ihrer Identität zu zerbrechen. Räume, in denen Berührung kein Kompetenzbeweis ist, sondern Begegnung.


Wenn eine Frau aufhört vorzutäuschen, beginnt etwas Neues. Es wird nicht sofort leichter. Ehrlichkeit macht erst einmal unsicher. Doch sie öffnet Türen. Zu echter Begegnung. Zu tieferer Verbindung. Und vielleicht auch zu einem neuen Verständnis dessen, was Lust eigentlich ist.


Und wenn ein Mann zuhören kann, ohne sich klein zu fühlen, entsteht Nähe, die selten ist und kraftvoll. Denn echte Intimität braucht keinen perfekten Körper, keine perfekte Technik und keine perfekte Performance. Sie braucht Mut. Präsenz. Und die Bereitschaft, sich selbst und den anderen wirklich zu sehen.


Vielleicht ist das der Teil, über den wir am wenigsten sprechen: Dass Sexualität nicht dann erfüllend wird, wenn alles funktioniert, sondern wenn niemand mehr etwas vorspielen muss. Wenn beide sagen dürfen, was wahr ist. Ohne Angst. Ohne Scham. Ohne Schuld.

Denn Lust ist kein Zustand, den man erreichen muss. Sie ist eine Begegnung, die entstehen darf.

 
 
 

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