Kommst du oder täuschst du vor?
- daslebenfliesst
- vor 5 Tagen
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Über weibliche Lust, Anpassung und die tiefen Spuren patriarchaler Sexualität
Wie oft machen wir Frauen etwas in unseren Schlafzimmern, das wir eigentlich gar nicht wollen? Wie oft lassen wir etwas mit unseren Körpern geschehen, das uns nicht guttut – und spielen dabei sogar Lust vor? Vermutlich zu oft.
Ich versuche seit Jahren, nicht mehr zu performen. Kein gespieltes Stöhnen, kein Lächeln, das signalisiert: „Ich genieße es“, wenn mein Körper stumm bleibt. Und trotzdem ertappe ich mich immer wieder dabei. Es ist, als läge tief in mir ein Reflex, der sagt: Mach mit. Gefalle. Sei unkompliziert.
Der Körper als Bühne
Theoretisch weiß ich viel über weibliche Sexualität, Lust, Orgasmus, patriarchale Prägung. Aber dieses Wissen erreicht selten jene Schichten, in denen mein Körper reagiert, bevor ich denken kann. Dort sitzen alte Muster: gefallen wollen, funktionieren, Sicherheit durch Anpassung herstellen.
Ich mochte Sex eigentlich immer – und trotzdem war er oft mit Stress verbunden.
Mein inneres Skript war klar: Sex bedeutet Penetration zwischen Mann und Frau, eingerahmt von etwas Zärtlichkeit und Nähe.
Meine Lust musste in diesem Rahmen stattfinden. Wenn sie es nicht tat, suchte ich den Fehler bei mir.
Warum komme ich nicht einfach durch Penetration? Warum ist er so schnell erregt, während ich gerade erst spüre, dass etwas in mir erwacht? Warum fühle ich mich manchmal wie eine Beobachterin meines eigenen Körpers, während der Mann „ganz dabei“ ist?
Ich hielt mich lange für ein sexuelles Mangelwesen und versuchte mitzuhalten mit einer Energie, die gar nicht meine war: schnell, fokussiert, zielorientiert. Wenn meine Lust nicht passte, täuschte ich sie eben vor. Es war leichter, als mich dem Schmerz zu stellen, mich selbst zu verraten.
Weibliche Lust im patriarchalen Skript
Diese Auseinandersetzung führt tiefer als ins Bett. Sie berührt die Geschichte unserer Körper.
Von klein auf lernen wir, dass Weiblichkeit schön, begehrenswert, aber kontrollierbar sein soll. Unsere Lust darf existieren – aber bitte so, dass sie gefällt. Medien, Filme und Pornos zeigen Frauen, die schon beim ersten Griff an ihre Brust in Ekstase verfallen. Alles andere gilt als „kompliziert“.
So lernen wir unbewusst:
Lust ist etwas, das wir zeigen, nicht unbedingt fühlen.
Sex ist dann gut, wenn er zufrieden ist.
Eine „normale“ Frau ist leicht erregbar, aber nicht zu fordernd.
Diese ungeschriebenen Gesetze prägen unsere Körperwahrnehmung, unsere Beziehungen und unser Schweigen.
Der Preis der Anpassung
Das Vortäuschen wurde für mich irgendwann unerträglich. Es war kein harmloses Schauspiel, sondern eine subtile Selbstverleugnung. Ich spürte, wie sehr ich von mir selbst entfremdet war. Wie tief der Glaube in mir wirkte, dass meine Lust sich an männliche Erregung anpassen müsse.
Ich wurde wütend – auf das System, das uns das beigebracht hat. Auf die kulturellen Bilder, die uns sagen, was „normale“ Sexualität ist. Auf die Lüge, dass weibliche Lust kompliziert sei, statt einfach nur so wie sie ist.
Und was, wenn der Partner nicht mitgeht?
Selbsterforschung von weiblicher Lust braucht Mut – aber sie braucht auch Raum.
Und dieser Raum entsteht selten in Isolation. Wenn ein Mann in einer Beziehung seine eigene Sexualität nicht hinterfragt, wird der Weg der Frau schnell einsam.
Denn sobald sie beginnt, ehrlich zu spüren, langsamer zu werden, Grenzen zu setzen, verändert sich das Gleichgewicht. Die bisherige Dynamik – oft unausgesprochen – gerät ins Wanken.
Viele Männer sind damit überfordert. Nicht, weil sie böse sind, sondern weil auch ihre Sexualität geprägt wurde: von Leistungsdruck, Kontrolle, Scham und der Illusion, immer „bereit“ sein zu müssen. Wenn sie sich dem nicht stellen, bleibt alles beim Alten – nur dass die Frau diesmal nicht mehr mitspielt.
Es braucht also mehr als weibliche Selbstbefreiung. Es braucht Begegnung auf Augenhöhe, in der beide den Mut haben, die alten Skripte zu entlernen. Wo Lust nicht länger eine Show ist, sondern Kommunikation, Berührung, Wahrheit.
Ein möglicher Weg zurück zur freien Lust
Sich der eigenen Lust frei und selbstbestimmt zu nähern, ist kein Ziel, sondern ein Prozess. Kein neues sexuelles Konzept, sondern ein inneres Erwachen.
Entschleunigung. Lust braucht Zeit. Sicherheit, Atem, Präsenz. Langsamkeit ist kein Mangel, sondern Tiefe.
Fühlen statt funktionieren. Wahrnehmen, was wirklich da ist – Anspannung, Langeweile, Erregung, Widerstand. Alles darf sein.
Selbstberührung ohne Ziel. Den eigenen Körper erforschen, nicht um zu „kommen“, sondern um zu spüren, was sich lebendig anfühlt und was vielleicht sogar erregt.
Ehrliche Sprache. Mit sich selbst und anderen sprechen, ohne Schuld oder Scham. „Ich weiß nicht, was ich gerade will“ ist ein Anfang, kein Versagen.
Gemeinsame Bewusstheit. Wenn ein Partner bereit ist mitzuwachsen, wird Sexualität zu einem Feld, in dem beide sich erkennen, statt sich zu verlieren.
Alte Skripte entlernen. Medienbilder, Pornos, Mythen hinterfragen. Was davon gehört wirklich zu mir – und was darf endlich gehen?
Freie weibliche Lust ist kein Versprechen von Dauererregung oder Ekstase. Sie ist das Recht, sich selbst wieder zu fühlen.
Sie ist ein stilles, kraftvolles Nein zum alten Drehbuch patriarchaler Sexualität – und ein zärtliches Ja zum eigenen Körper.




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