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Die Wut unter meiner Haut

Wie mühsam es ist, den eigenen Blick neu zu lernen - und wie lohnend und wichtig!


Ich weiß nicht mehr genau, wann ich meine Cellulite zum ersten Mal bemerkte oder wann sie zu einem Problem für mich wurde. Aber seit meiner Jugend gelingt es mir nicht, eine liebevolle Neutralität ihr gegenüber zu entwickeln. Cellulite war und blieb für mich immer etwas Hässliches, Beschämendes – ein Stigma, das all das Schöne an mir unsichtbar machte.


Der Blick in den Spiegel

Ich sehe mich noch, Anfang zwanzig, im WG-Zimmer mit einem Bikini vor dem Spiegel. Verzweifelt. Fragend, wie ich so an den Baggersee gehen sollte. Fast jede Frau kennt diesen inneren Absturz: das angewiederte Kneifen, Prüfen, Abwerten. Die Verzweiflung darüber, dass man dem eigenen Körper nicht entkommen kann. Heute, mit Mitte vierzig, ist meine Cellulite noch sichtbarer als damals – und gleichzeitig erscheint mir die Härte, mit der ich mich früher betrachtete, traurig und absurd - nach zwanzig gelebten Jahren, zwei Geburten, unzähligen Tagen von Selbstentwertung und innerer Ablehnung. Aber: frei bin ich bis heute nicht. Ein ungünstiger Blickwinkel, zu viel Licht, eine unpassende Haltung – und sofort schießt die alte Abwertung wieder durch meinen Körper. Als glühend heißer Ekel vor mir selbst, vor meinem delligen, schlaffen Bindegewebe.


Doch ich bin müde, denn...

ein Großteil meiner Energie ging mein Leben lang für Selbstentwertung drauf: der überfokussierte, kritische Blick, das Disziplinieren, das Neujustieren. Das Verknüpfen von Zufriedenheit und Glück mit dem Zustand meines Körpers.

Cellulite ist für mich ein besonders hartnäckiges Thema im Prozess von Körperakzeptanz. Denn die Geschichte dahinter ist besonders perfide. Erst im frühen 20. Jahrhundert tauchte das Wort Cellulite überhaupt erstmals auf – als plötzliches Stigma für ein natürliches weibliches Bindegewebe. Mit wachsender weiblicher Freiheit kam die patriarchale Antwort: Pathologisierung. Verunsicherung. Entwertung.

Etwas, das uns Frauen schon immer betroffen und eingeschränkt hat - ein von anderen, von Männern gemachtes Idealbild unserer Körper - drang nun bis in die Tiefen unserer Körper vor und erklärte unsere Natürlichkeit zu etwas Abstoßendem, etwas, dessen wir uns schämen sollten. Und Scham ist eine mächtige Waffe gegen Selbstbewusstsein.


Der Krieg gegen uns selbst

Der Begriff wurde zum medizinisch klingenden Modewort. Und zum Horror für uns Frauen. Wir werden seither in einem zermürbenden Paradox gefangen gehalten, in dem wir mal mehr, mal weniger anfällig für unsere eigenen erbarmungslosen Blicke und die der anderen sind. Denn obwohl Cellulite angeblich „natürlich“ ist, werden wir überall verfolgt mit Tipps, Tricks und Produkten, die sie endlich aus der Welt schaffen. Denn diese Hässlichkeit – so die Botschaft – liegt doch irgendwie in unserer eigenen Hand. Hast du Cellulite? Dann machst du etwas falsch.

Ich weiß nicht, wie viel Energie es mich gekostet hat, diese Negativität zu ertragen und zugleich gegen sie anzukämpfen, diese Spiralen aus Resignation, Scham und Selbstentwertung immer wieder zu passieren. Tausende Stunden, in denen mein Denken nur darum kreiste, wie ich straffere Haut bekomme oder was andere denken.

Nein, ich habe nicht immer das Licht beim Sex ausgemacht und bin keinem Baggersee ferngeblieben. Aber frei war ich nie. Noch heute zeigt sich diese Unfreiheit: als „nicht wirklich Fallenlassenkönnen“, als „Handtuch um die Hüften im Schwimmbad“, als „lieber unbequem statt entspannt am Strand zu sitzen, um nicht mehr Cellulite als nötig sichtbar zu machen“...


Ein kollektives Trauma

Wie viele Frauen lieben ihren Körper wirklich?

Und diese Frage richtet sich an Frauen ebenso wie an Männer. Denn es sollte auch eine Frage sein, die Männer bewegt: aus welchem Grund fällt es meiner Partnerin, Schwester, Mutter, Tochter. Freundin so schwer, sich rundherum anzunehmen und in ihrem Körper wohlzufühlen? Und wie betrachte ich selbst als Mann die Körper der Frauen in meiner Umgebung?

Die Antwort ist ernüchternd. Es ist kein „typisch weiblicher Tick“, unzufrieden mit dem eigenen Körper zu sein. Es ist patriarchales Trauma, das unsere komplette Wahrnehmung infiltriert – auch unsere Bewertung anderer Frauenkörper. Mein eigener "Cellulite-Scanner" war gnadenlos, bei mir selbst, genauso wie bei anderen. Er brachte keine Erleichterung, sondern schärfte den verletzenden Blick auf Weiblichkeit insgesamt. Mein Blick auf andere Frauen war lange von Bewertung geprägt – eine stille Konkurrenz, eine Suche nach Erleichterung: „Zum Glück bin ich nicht allein.“


Körperliches Heilwissen

Manchmal möchte ich meinen Kopf schwer auf die Tastatur fallen lassen, müde von allem. Denn wie soll Selbstliebe funktionieren, solange unsere Körper dauerhaft kommentiert und bewertet bleiben? Wie soll Heilung stattfinden in einer Welt aus retuschierten Bildern und subtilen Normen?

Aus der Faszien- und Körperarbeit weiß ich: Bindegewebe speichert Stress und Emotionen. Es wird fest, verfilzt, verspannt, wenn wir unserem Fühlen und Erleben keinen Raum geben können.

Vieles, was Cellulite begünstigt – Stress, Übersäuerung, Yang-Überschuss als zu viel männliche Lebensenergie – ist Teil weiblicher Lebensrealität. Wir funktionieren trotz zyklischen Körpern in einer Welt, die zutiefst linear, leistungsorientiert, starr und fordernd ist. Was selbst für Männer nicht gesund und erfüllend ist, ist für uns Frauen schmerzhaft und kraftraubend.

Ich berühre meine Haut mit meiner Hand und versuche zu lauschen. Was möchte mein Körper mir erzählen - was ich längst weiß, aber immer ins Vergessen verdrängt habe?

Wenn ich fester in mein eigenes Gewebe greife, schmerzt es. Ein Schmerz, schneidend und scharf... der mir erst Tränen in die Augen treibt und sich dann plötzlich in Wut verwandelt. Wut, die keinen Raum hat. Wut, die sich in den Körper zurückgezogen hat.


Eine neue These

Was, wenn Cellulite gar nicht nur „natürliches Gewebe“ ist?

Was, wenn sie eine körperliche Reaktion und Anpassung auf eine lebensfeindliche Umwelt für weibliche Körper ist? Früher akzeptiert als etwas Natürliches, heute stigmatisiert als etwas Hässliches.

Was, wenn sie Ausdruck eines Zuviels an männlicher Energie im weiblichen System ist – einer angestauten, verschluckten Wut und Frustration? Was, wenn sie das Verfilzen eines Gewebes zeigt, das seinen natürlichen Fluss verliert unter zu viel Anpassung, zu viel Übergriff, zu viel Scham, zu viel Hass?

Es mag eine intuitive These sein – aber in mir fühlt sie sich wahr an. Dieses patriarchale Weltmilieu, in dem Frauen funktionieren sollen: weich, aber straff; sinnlich, aber belastbar; sichtbar, aber bitte makellos – wie soll das gesund sein?


Ein weicherer Blick

Und plötzlich beginnt mein Blick sich zu verändern. Ich betrachte meinen Körper – mein Bindegewebe, meine Cellulite. Und höre zu. Sie erzählt von geschluckter Wut, von verletzten Grenzen, von Momenten, in denen ich still blieb, obwohl ich hätte laut sein sollen. Und ich verstehe: Es war zu viel. Es ist immer zu viel. Es ist fast unmenschlich zu erwarten, ich könne frei von allem sein, von all' dem Hass gegenüber Frauen, von der Objektifizierung unserer Körper, der Häme, dem Spott, der Übergriffigkeit, der Angst um mich selbst in manchen Situationen und trotz all dem in liebervoller Verbindung zu mir bleiben.


Egal, ob diese Sichtweise stimmt oder nicht – sie beginnt, etwas in mir zu heilen. Langsam.

Mein Blick auf andere Frauen wird weicher. Ich sehe ihre Dellen und denke: Schwester, auch du hast viel geschluckt. Viel getragen. Viel weggesteckt. Ich blicke mir selbst im Spiegel in die Augen, nachdem mein Blick über meinen Körper gewandert ist und vergebe mir. Dafür, wie ich aussehe, dafür, dass ich mich nur so sehen kann, wie ich es mein Leben lang gelernt habe - und nun langsam und zäh beginne, zu verlernen.


Vielleicht liegt darin ein Anfang

Vielleicht wird Cellulite immer Teil unserer Körper sein. Weil sie natürlich ist in einer Welt, in der Frauen nicht in ihrer ureigenen Kraft und Energie leben und schwingen können. Vielleicht verschwindet sie nicht.

Aber was, wenn wir aufhören würden, sie zu verachten? Was, wenn wir sie lieben könnten – oder zumindest nicht mehr bekämpfen?

Und was, wenn sie allein dadurch an Macht und Existenz verliert, weil wir verlernen, sie zu sehen?


Wie wunderbar wäre das.

 
 
 

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