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Nur zu dünn?

Wenn jemand sagt: „Dein Kind ist aber sehr dünn“, ist es nicht nur eine Beobachtung.

Es ist ein Einschlag in eine empfindliche Zone, es ist wie eine Bestätigung deiner eigenen besorgten Gedanken und Fragen.

Und plötzlich steht das Thema mitten im Raum. Ist omnipräsent. Sitzt mit am Tisch.


Ich beginne hinzuschauen und nehme wahr, wie verwirrt ich bin.

Wie mein Verstand versucht, Puzzleteile zu finden, die zusammenpassen oder noch besser: NICHT zusammenpassen.

Denn das Bild, das sich zusammenfügen würde, heißt in unserer Gesellschaft: Magersucht.


Ich spüre, wie sich in mir etwas zusammenzieht, wie eine kalte Angst aufflackert. Und beinahe impulsartig reagiere ich mit Druck nach außen:


Iss mehr!

Wieso isst du nicht noch mehr?

Du musst einfach wieder zunehmen!


Und spüre zugleich den wachsenden Widerstand, die Zunahme an Konflikten, den steigenden Stress in meinem eigenen System.


Was lässt mich so schnell Druck ausüben?

Es ist Angst.

Es ist das Gefühl von Ohnmacht und Kontrollverlust.

Es ist die Frage, ob ich etwas falsch gemacht oder übersehen habe.

Es ist etwas in mir, das immer davon ausgeht, die Verantwortung liege ausschließlich bei mir. Und plötzlich geht es nicht mehr um mein Kind, sondern um mich selbst.


Ich begreife, wie sehr mich sein Dünnsein in meinem Bedürfnis von Kontrolle erschüttert.

Zum ersten Mal erlebe ich, dass ich hilflos bin angesichts des Verhaltens meines Kindes. Und diese Hilflosigkeit wird quälend, weil ich immer noch glaube: ICH MUSS DIE LÖSUNG KENNEN!


Ich erkenne, wie sehr mein eigener Selbstwert, meine innere Sicherheit von der Gesundheit meiner Kinder abhängt – so als würde jede Krise, jede Krankheit meine Qualität als Mutter sofort in Frage stellen. Und ich spüre, wie wenig hilfreich ich sein kann, wenn ich diese Verbindung nicht für mich selbst kläre und löse.


Die Suche nach Klarheit im Chaos

In dieser Verwirrung versuche ich ein Gleichgewicht zu finden:

zwischen berechtigter Sorge und ruhigem Vertrauen.

Es ist eine Berg- und Talfahrt, die mich immer tiefer in meine eigenen Ängste und Themen führt.

Ich erinnere, wie ich selbst als Jugendliche sehr dünn war. Wie ich mich in mich selbst zurückgezogen habe, als es familiär herausfordernd wurde. Wie ich eigentlich Zeit meines Lebens ein kontrollierendes Verhältnis zu meinem Körper hatte: wie stark sein Gewicht Einfluss auf mein Selbstempfinden nahm.

Ich erkenne, wie sich das Thema „Essen“ durch meine Familie und die meines Exmannes zieht. Wie einerseits viel Wert auf Schlanksein und Leistung gelegt wurde – und wie sehr Essen gleichzeitig als emotionaler Ersatz diente. Wie mit Problemen umgegangen – oder eher NICHT umgegangen wurde.

Vor diesem Hintergrund erscheint es fast konsequent, dass sich auch in meinem Kind etwas über diese Thematik ausdrückt.


Und ich möchte hinschauen.


Die Themen hinter dem Symptom

Wenn ich Magersucht nicht ausschließlich als „Störung oder Krankheit“ betrachte, sondern als Versuch der Selbstregulation – ein innerer Mechanismus, um Druck, Überforderung oder Verunsicherung zu bewältigen – öffnet sich ein neuer Blick.


Mein Kind ist mit seinem ganzen Sein ein Musterbeispiel für typische Dispositionen: Empfindsam. Reflektiert. Leistungsorientiert. Ehrgeizig. Mit dem Wunsch, Fehler zu vermeiden und alles kontrollieren zu können.

Emotional schwankend zwischen erwachsener Verantwortlichkeit und kindlicher Bedürftigkeit.

Diese Muster sind nicht krank. Sie sind menschlich. Und sie werden erst in belastenden Kontexten zu Risikofaktoren.


Ein System, das Körper verunsichert

Wir leben in Strukturen, in denen Essen kaum noch ein intuitives, nährendes Thema sein darf. Es ist funktional aufgeladen – gut oder schlecht, richtig oder falsch, zu viel oder zu wenig.

Wir leben in einem Spannungsfeld aus Diätkultur, Fitnessidealen, Optimierungsdruck und ständigem Vergleich. Ein Umfeld, das uns früh von unseren Körpersignalen trennt.


Wir leben in einer Welt, in der Menschen sich oftmals oberflächlich optimieren, aber selten in der Tiefe gesunden können.


Wir tragen nicht nur unsere eigenen Themen, sondern inzwischen auch die Themen der ganzen Welt in uns mit, die jeden Tag nahezu ungefiltert in unser Leben dringen.


Wie mag es wohl sein für junge Menschen, die ihr Leben gestalten sollen, aber in einer Zeit groß werden, in der unsere Welt kurz vor dem Kollaps steht?


Und wie kann und soll eine Familie, eine alleinerziehende Familie, all’ das auffangen, ausgleichen, halten?

Eine Familie, die eine Trennung bewältigen musste, aus konfliktreichen Verhältnissen besteht, viel Sprachlosigkeit, Unbewusstheit und Herausforderungen, die über ein normales Alltagsmaß hinausgehen?

Es ist schwer, sich in dieser Realität nicht allein und überfordert zu fühlen.


Worum geht es bei allem – bei mir, bei meinem Kind?


Es geht um Regulation. Um Autonomie. Um Identität. Um Stress. Um innere Überlastung. Und manchmal darum, überhaupt noch etwas fühlen zu können.

Denn wie oft finden Kinder heute wirklich ein erwachsenes Gegenüber, das nicht selbst gefordert oder sogar überfordert ist?

Wie oft leben wir Kindern wirklich vor, wie wir gut und nachhaltig mit Themen umgehen, die uns belasten oder überlasten?

Schauen wir manchmal nicht erst wirklich hin, wenn Kinder Symptome zeigen? Zum Beispiel, wenn sie immer dünner werden?


Durchatmen. Regulieren.

Magersucht ist ernst. Sie braucht aufmerksame Begleitung, medizinische Abklärung, therapeutische Unterstützung.

Aber vor allem braucht sie einen liebevollen Blick.

Ein Verständnis dafür, dass hinter dem Symptom ein Mensch steht, der versucht, sich im Leben zurechtzufinden. Ein Mensch, der nicht „weniger isst“, um zu provozieren oder um sich zu schaden, sondern weil sein System dies in diesem Moment als Möglichkeit empfindet, stabil zu bleiben.

Diese Sicht eröffnet Mitgefühl – ohne Naivität.

Klarheit – ohne Härte.

Und Präsenz – ohne Panik.


Und sie eröffnet einen neuen Blick auf sich selbst. Auf das, was bei mir selbst noch zu lösen und zu gesunden ist. Damit ich für mein Kind ein kraftvolles, gelassenes und liebevolles Gegenüber sein kann.


Eine Einladung an dich als Mutter

Wenn du selbst ein Kind hast, dessen Essverhalten, Gewicht oder Körperwahrnehmung dich beunruhigen, dann kennst du bestimmt diese zähe Mischung aus Sorge, Überforderung, Schuldgefühlen und dem dringenden Wunsch, alles richtig zu machen.

Du musst diesen Weg nicht alleine gehen.

Und du musst nicht erst warten, bis „alles schlimm“ wird, um für dich selbst zu handeln.


Manchmal braucht es einen Raum, in dem du selbst sortieren kannst:

Was gehört wirklich zu meinem Kind? Was gehört eigentlich zu mir? Welche Muster meiner eigenen Geschichte berühren mich so stark? Und wie kann ich mein Kind begleiten, ohne meine Angst unbewusst mitzugeben?


Genau dafür biete ich dir Unterstützung an.

In meinen Sessions – ob Coaching oder Körperarbeit – findest du einen geschützten Raum, in dem du dich selbst wahrnehmen und deine innere Stabilität zurückgewinnen kannst.

Denn ein reguliertes, ruhiges und klares Nervensystem ist oft der größte Anker, den wir unseren Kindern geben können.

Wenn du spürst, dass dieses Thema dich bewegt, melde dich gern.

Gemeinsam finden wir heraus, was für dich und deine Familie jetzt unterstützend ist.

 
 
 

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