Ein Fest der Liebe?
- daslebenfliesst
- vor 5 Tagen
- 3 Min. Lesezeit
Dieses Jahr spüre ich Weihnachten an einer anderen Stelle in mir.
Tiefer. Roher.
Nicht, weil etwas Besonderes passiert wäre, sondern weil ich mir erlaube, meine familiären Beziehungen ungefilterter zu fühlen als zuvor. Alles, was ich früher verstand, rutscht mir nun vom Kopf ins Herz – und dort tut es leise weh.
Ich komme aus einer kleinen, komplizierten, kontaktarmen Familie.
Es gab nie das große Familienfest, keine laute Sippe unterm Weihnachtsbaum, kein Gefühl von „alle kommen zusammen“. Und doch war Weihnachten für mich als Kind voller Zauber – getragen weniger von Nähe, als von von sinnlichen Eindrücken: dem großen, bunt geschmückten Tannenbaum, den glitzernden Geschenken, der freudigen Aufregung, dem guten Essen - dem Besuch einer Freundin meiner Mutter und ihrer Tochter, der uns das Gefühl gab, nicht ganz allein zu feiern.
Der Besuch bei meinem Vater – zusammen mit Oma und Boxerhund – war die einzige, weitere weihnachtliche Station. Eine kleine Bescherung, ein kurzer Moment von "Familie". Dann war Weihnachten vorbei.
Manchmal frage ich mich, wie ich diese Zeit damals wirklich erlebt habe – vor allem nach der Trennung meiner Eltern. Warum mir so vieles davon fehlt. Was habe ich gefühlt? Und was habe ich weggelassen, weil es zu viel war?
Vielleicht liegt es daran, dass ich heute all das viel klarer spüre.
Vielleicht, weil ich meine (fehlenden) familiären Beziehungen gerade ungefilterter wahrnehme, als je zuvor. Weil ich meiner Geschichte nähergekommen bin, nicht mehr nur reflektierend, sondern fühlend.
Was ich früher nüchtern über meine schwierigen Familienstrukturen sagen konnte, zeigt sich heute als Traurigkeit. Als Schmerz. Als Erfahrung, die endlich nicht mehr nur verstanden, sondern gelebt werden darf.
Dieses Weihnachten ist für mich kein enttäuschtes Hoffen auf familiäre Harmonie.
Es ist ein stilles, wahrnehmendes Innehalten.
Ein Blick darauf, wer wirklich da ist – und wer nicht.
Wer Teil meines Lebens ist – und zu wem ich längst jeden Kontakt verloren habe, unabhängig davon, ob wir uns begegnen oder nicht.
Doch genau dieses Innehalten, dieses Zulassen von Enttäuschung, Schmerz und Trauer, löst etwas in mir aus. Einen Wandel. Einen zarten, inneren Perspektivwechsel.
Ich liebe die Weihnachtszeit nach wie vor – aber jenseits von Konsum oder dem Druck eines idealisierten Familienbildes.
Mehr und mehr wird sie für mich eine Zeit, um in Beziehung zu mir selbst zu treten: zu spüren, wo es Zuwendung braucht und wo nicht mehr.
Würde ich mich heute einsam fühlen, wenn ich Weihnachten allein verbringen würde?
Nein.
Kenne ich das Gefühl des Alleinseins mitten in der eigenen Familie?
Oh ja.
Und dort, wo ich die letzten Funken idealisierter Hoffnung aufspüre und gehen lasse, öffnet sich ein Raum für etwas Neues. Nicht idyllischer. Nicht harmonischer.
Aber vielleicht echter, ruhiger, friedvoller – in mir.
Auch dieses Jahr werden wir ein kleiner Kreis sein: meine Kinder, meine Mutter und ich.
Auch in dieser Generation hat eine Trennung die Familie wieder auseindergerissen.
Es wird Zank geben. Meine Mutter wird ihre Ungeduld mitbringen und genug Dinge finden, die sie kritisieren kann. Wir werden gemeinsam essen – von außen betrachtet ein klassisches Weihnachtsbild – und doch trägt jeder seine eigene Geschichte mit an den Tisch.
Wir werden uns einander zumuten. Mit allem, was wir sind.
Und ich werde wach bleiben. Wahrnehmen, wie es mir damit geht. Es ansprechen.
Mich zeigen mit dem, was auftaucht.
Und fragen, wie es den anderen geht – nicht, weil man das an Weihnachten macht, sondern weil es mich wirklich interessiert.
Ich möchte nicht mehr zusammensitzen unter dem Druck der Harmonie. Ich wünsche mir, dass wir uns frei fühlen können, ganz da zu sein.
Mit Trauer, Unmut, Wut.
Und vielleicht auch mit einem Lachen darüber, wie seltsam wir Menschen manchmal sind – wie sehr wir uns nach Verbundenheit sehnen, und wie vorsichtig wir werden, sobald sie wirklich möglich wäre.
Nein, Weihnachten muss nicht schön oder friedlich sein.
Schon gar nicht, wenn es gespielt werden muss.
Mein einziger Wunsch in diesem Jahr ist ein anderer:
ein bisschen mehr da zu sein. Sichtbarer zu sein. Fühlbarer zu sein.
Für mich selbst – und für die, die da sind.




Kommentare